Breslau, Glogau, Hitzestau

Von Oliver Puncken
Gut sieben Stunden dauert die Anreise von Hannover mit der Deutschen Bahn nach Wrozlaw (dt. Breslau) in Polen. Jedenfalls dann, wenn die gebuchte Verbindung zustande kommt und pünktlich ist. Schon seit einigen Jahren gibt es die Kooperation von Deutscher und Polnischer Bahn  mit zwei EC-Zügen pro Tag und Richtung. Insgesamt hat die Fahrkarte nach Breslau in der ersten Klasse gerade einmal knapp 50 € gekostet, von denen der größte Anteil wohl an die Deutsche Bahn gehen dürfte.
Und so rattert der Zug in Richtung Wegliniec (dt. Kohlfurt) kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze. Ein Gang in den Speisewagen wäre toll, denn von vorhergehenden Reisen gen Osten wissen wir, dass erstens das gemütliche Ambiente mit der Atmosphäre eines erfolgreichen Vorstadtkaffees nicht zu verachten ist und zweitens der Verzehr kulinarischer Landesspezialitäten eine gute Einstimmung auf unsere einwöchige Ruder-Wanderfahrt durch das Nachbarland ist. Doch Fehlanzeige. Das Bordbistro wird erst in Breslau angehängt und so erreichen wir die Stadt an der Oder hungrig.
Immerhin gibt es am Bahnhof (alkoholfreie) Kaltgetränke und Kekse von Biedronka, jener polnischen Aldi-Version, von der wir niemals verstehen werden, wie man in dem strukturlosen Sammelsurium von Lebensmitteln jemals mit seinem Einkauf fertig werden kann.

Wenn man in der Bundesrepublik geboren ist und irgendwann in den 70er oder 80er Jahren die Grundschule besucht hat, begann Osteuropa lange Zeit an jenem Gewässer, das wir in den nächsten Tagen näher kennen lernen wollen, der Oder.  Natürlich wissen wir, dass der eiserne Vorhang nicht hier, sondern an der Elbe verlief, aber im kalten Krieg wurde die DDR ja ohnehin nicht wirklich als souveräner Staat angesehen, sondern quasi als Außenposten der BRD und die gehörte selbstverständlich zu Mitteleuropa. Heute sieht man das ganz anders, schließlich sind die meisten unserer Nachbarn katholisch (nicht orthodox), schreiben lateinisch (nicht kyrillisch) und die Eingliederung in den Ostblock war ja auch eher erzwungen als freiwillig. Außerdem liegt der geographische Mittelpunkt Europas ohnehin viel weiter östlich, nämlich irgendwo in Litauen.
Wroclaw (dt. Breslau) ist mit seiner wechselvollen Geschichte eine der spannendsten Metropolen Europas. Die Stadt wurde auf zwölf von den Nebenarmen der Oder umflossenen Inseln gegründet. Merkt man noch immer, denn ständig überquert man eine der Brücken, die die durch zahlreiche Kanäle zersplitterte Stadt wieder verbinden. Wir nutzen den ersten Tag, um dieses „Venedig Polens“ zu erkunden. Startpunkt unserer dreistündigen (!) Stadtrundtour ist der Rynek, der ringförmige mittelalterliche Marktplatz. Viele der verschnörkelten Barock- und farbenfrohen Jugendstil-Häuser haben den Zweiten Weltkrieg nicht unbeschadet überstanden, mussten mühevoll wieder aufgebaut werden und sind somit deutlich jünger als sie aussehen. Hingucker ist auf jeden Fall das Rathaus mit der astronomischen Uhr im Giebel und den vielfältigen Geschichten, die die Skulpturen an der Häuserwand erzählen.

Die Bewohner teilen sich die Stadt mit Hunderten kleinen Bronzezwergen. Mit einer Zuwachsrate, die zumindest dicht an die ihrer menschlichen Schöpfer herankommt, lassen sie sich in den unterschiedlichsten Winkeln im Stadtgebiet nieder. Sie sind friedliches Symbol für die Studentenproteste in den 1980er-Jahren gegen die kommunistische Regierung in Polen. Unser Rundgang endet auf der Dominsel, die von den beiden höchsten Türmen der Stadt, jenen der Johanneskathedrale, dominiert wird. Tatsächlich ist die Dominsel keine echte Insel mehr, denn ein Flussarm der Oder wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zugeschüttet.

Am Montag geht es dann aber zur eigentlichen Sache, nämlich – natürlich – zum Rudern. Unsere Fahrt soll uns nach Zielona Gora führen, etwa 230km flussabwärts. Auf unserer Reise werden wir zwei der 16 Woiwodschaften durchqueren, nämlich Niederschlesien und Lebus.

Das Aufriggern der Boote haben wir bereits am Vortag erledigt und diese erste Etappe bringt uns noch einmal an der Altstadt vorbei. Entlang der Ufer liegen gepflegte Promenaden, moderne Wohnviertel und grüne Parkanlagen. Wir pausieren kurz vor der Dominsel, dann geht es um den Stadtkern herum durch die Schleusen Szczytnicka, Kleczkow und Redndzka hinein in den ebenso unaussprechlichen Oderzufluss Bystrzyca. Wir legen irgendwo im Nirgendwo etwas nördlich der Stadt und in der Nähe der Breslauer Kläranlage an der Uferböschung an, haben etwas Mühe durch den schlammigen Untergrund am steilen Ufer an Land zu kommen und die Boote zu sichern. Irgendwie geht es dann aber mit vereinten Kräften doch und wir lassen uns mit dem Minibus zurück in die Stadt bringen.

Auf der zweiten Etappe am darauffolgenden Tag lassen wir das Stadtgebiet endgültig hinter uns. Hier schlängelt sich die Oder durch stille Wald- und Wiesenlandschaften.  Noch ist sie reguliert – trotzdem ist es idyllisch und bis auf ein paar Angler ist von menschlicher Zivilisation nicht allzu viel zu sehen. 34 km rudern wir heute bis kurz vor die Schleuse Rzeczyca und werden im komfortablen Reisebus einige Kilometer weiter gefahren nach Lubiaz (dt. Leubus). Hier zeugt das Zisterzienserkloster vom Reichtum der Region. Es ist ein Symbol für Gottesfürchtigkeit und die einstige Herrschaft der Kirche und des Glaubens über mehr als 1000 Dörfer in der Region. Schon von außen beeindruckt die gewaltige Anlage. Wir ergattern gerade noch die letzte Führung des Tages durch das Innere. Man präsentiert uns zum Beispiel den prachtvollen Fürstensaal mit seinen kunstvollen Deckenmalereien und die verwitterten Überreste der alten Kirche, die man vor dem endgültigen Verfall zu schützen versucht. Dieser Kontrast zwischen Glanz und Vergänglichkeit vermittelt einen Eindruck davon, wie hier vor Jahrhunderten das Klosterleben aussah. Im Krieg zerstört und geplündert wirbt nun eine Stiftung um Gelder für die Restauration wenigstens eines Teils der Räumlichkeiten – eine Sisyphusarbeit bei über 400 Räumen.

Im Anschluss an die Besichtigung kommen wir in einem Landgasthof in Malczyce (dt. Maltsch a.d. Oder) unter, unserem Quartier für zwei Nächte. Hinter der Schleuse der Gemeinde geht die Landschaft über in die stillen Oderauen mit Altwassern, Auwäldern und Vogelbrutplätzen. Die kleinen Orte am Ufer erscheinen eher zurückhaltend, bieten aber die eine oder andere Anlegestelle. An einem großen und modernen Fähranleger verbringen wir die Mittagspause. Das Bauwerk selbst ist gut in Schuss, bisher gibt es hier allerdings weder Schiffs- noch Autoverkehr. Landseitig ist schlicht keine Zufahrt gebaut worden und wasserseitig fehlt (noch) die Nachfrage. Nach der Stärkung bei Brötchen und Kaffee rudern wir weiter und legen heute in einer kleinen Marina in Chobienia (dt. Köben) an.

Eigentlich stand heute ein traditioneller polnischer Grillabend auf dem Programm, doch die fast 50km bei tropischen Temperaturen und ohne Schatten stecken uns in den Knochen. Zwar hat heute immerhin etwas Strömung eingesetzt, trotzdem ist es bei diesem Wetter mühsam, die schweren Gigboote über den Fluss zu schieben. Daher werden die Berge deftig-polnischer Spezialitäten wie Bigos, Blutwurst, Breslauer, gebratenem Fleisch und Schmalzbrote im kühlen Gebäudeinneren statt am Grillplatz gereicht. Vegetarier kommen hier und generell außerhalb der großen Städte kaum auf ihre Kosten: Die ebenfalls gereichte Salatplatte ist mengenmäßig klar unterrepräsentiert und dient eher dekorativen Zwecken.

Ziel des nächsten Tages ist Glogów (dt. Glogau), auch für unseren Ehrenpräsidenten Gerd Weingardt, oben. Vom Boot aus fällt besonders die sehr, sehr pinke Oderbrücke auf, die das Stadtzentrum mit den östlichen Stadtteilen verbindet. Kurz hinter ihr umfahren wir einen Steinwall und laufen in die Marina ein.

Die Stadt schmiegt sich malerisch an die Oder und beim abendlichen Landgang finden wir eine bunte Mischung aus historischen Häuschen und moderner Stadtkultur. Die eigentlich eingeplante Stadtführung am nächsten Tag lassen wir entfallen. Es soll wieder brüllend heiß werden und wir wollen die knapp 40 Tageskilometer lieber nicht bei mehr als 35 Grad zurücklegen, sondern bevorzugt in den kühleren Morgenstunden starten. Dennoch lässt der Stadtführer es sich nicht nehmen, vor unserem Aufbruch wenigstens kurz vorbeizuschauen. In aller Kürze erfahren wir noch ein wenig über die Geschichte der Stadt zwischen Mittelalter und Moderne, die im Zweiten Weltkrieg zur Festung erklärt und damit der Zerstörung preisgegeben und anschließend mühevoll wieder hergerichtet wurde.

Heute verdankt Glogow seinen Wohlstand vor allem dem Bergbau, besonders der großen Kupferhütte am Stadtrand und vom Wasser aus lassen sich die Hütten mit ihren Schloten, aus denen grünlicher Qualm dringt, erahnen.

Für uns geht es weiter nach Nowa Sol (dt. Neusalz). Bereits aus der Ferne begrüßt uns ein Hafen mit einer bemerkenswerten Mischung aus maritimer Romantik und industriellem Charme. Unplanmäßig endet unsere Ruderei hier. Es ist einfach zu heiß zum weiterfahren und so schleppen wir die Boote eines nach dem anderen aus dem Hafenbecken. Am Kanuclub versuchen wir verzweifelt, dem Schmutz der Oder mit dem Schmutz der Oder (also der sandig-algigen Brühe aus der Marina) Herr zu werden, die Boote abzuriggern und für die nächste Fahrt zu verladen.
Beim kurzen Stadtrundgang finden wir in der Hafengegend noch ein paar Erinnerungen an die Zeit, als hier – wie der Name schon sagt – Salz aufbereitet und auf dem Wasser transportiert wurden. Ansonsten aber wirkt Nowa Sol stadteinwärts geschäftig, am Ufer und in den weitläufigen Parkanlagen mit den flanierenden Spaziergängern eher wie ein Kurort.

Zielona Gora (dt. Grünberg), das eigentliche Ziel unserer Exkursion, erreichen wir also Tags darauf mit der Bahn. Hier ist man besonders stolz auf den Wein, der seit dem 14. Jahrhundert in der sanft hügeligen Umgebung gedeiht und der in den Verzierungen an Straßenlaternen, Häusergiebeln und Skulpturen überall präsent ist. Die Stadt bietet mit dem Palmenhaus auf dem Weinberg, der historischen Altstadt und dem jährlichen Weinfest ein attraktives touristisches Ziel. Wir testen, was den Ort ausmacht und lassen die Fahrt abends bei einer Weinverköstigung ausklingen.
Wieder einmal hat diese Fahrt nicht nur mehrere Ruderclubs und zwei Nationen verbunden. Sie erschloss für uns auch eine Flusslandschaft voller Geschichte, Architektur und Natur.
Die wechselhaften Gegenden werden von ebenso verschiedenen Menschen mit vielfältigen Traditionen bewohnt und wer Wiederholungstäter ist weiß, dass es auch in Polen wie zwischen Norddeutschen und Bayern Bissigkeiten und Vorurteile gibt. Die Warschauer gelten als laut und arrogant, die Krakauer als kultiviert, die Masuren als rückständig. Wir Deutsche gelten als pedantisch und unflexibel. Gemeinsam mit unserem Reiseleiter Lukasz Kaszmarek haben wir die extremen Witterungsbedingungen trotzdem gemeistert und einen wunderbaren Urlaub mit den Ruderkamerad*innen aus den Niederlanden, München und Berlin verbracht. Danke für die tolle Reise!

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